Wie Sie Schmerzen bei Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen erkennen

Wie Sie Schmerzen bei Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen erkennen

Pflegebedürftige Menschen leiden oft unter Schmerzen, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Sie als pflegende Angehörige stehen dann vor der Herausforderung, die Situation genau zu beobachten und zu beurteilen. Wir helfen Ihnen dabei, Schmerzen zu erkennen, richtig einzuordnen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Ein Mann will die Schmerzen erkennen bei seiner Frau und beugt sich dazu zu ihr runter.
GettyImages/lucigerma

Der Umgang mit Schmerzen bei pflegebedürftigen Angehörigen erfordert viel Aufmerksamkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Grundlage bildet eine vertrauensvolle Pflegebeziehung, in der sich Ihr pflegebedürftiger Angehöriger nicht scheut, gesundheitliche Beschwerden zu benennen. Denn besonders ältere Menschen verbergen manchmal, dass sie Schmerzen haben, weil sie keine Umstände machen möchten. Auch die Angst vor einem Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt kann dazu führen, dass Ihr Familienmitglied gesundheitliche Beschwerden längere Zeit verheimlicht. Ein täglicher Austausch über das Befinden sowie eine genaue Beobachtung Ihres Angehörigen können das verhindern.

Wie deuten Sie Schmerz-Signale richtig?

Sie als pflegender Angehöriger kennen Ihr pflegebedürftiges Familienmitglied besonders gut, weshalb Sie ein Schmerz-Geschehen oft schon relativ früh erkennen können, auch wenn Ihr Angehöriger dies nicht klar äußern kann, z. B. im Fall einer kognitiven Einschränkung wie einer Demenz. Sie vermitteln dann als eine Art Dolmetscher zwischen Ihrem Angehörigen und dem medizinischen Fachpersonal.

Können Pflegebedürftige ihre Schmerzen nicht klar benennen (weil der Betroffene z. B. an einer Demenz erkrankt ist), ist es besonders wichtig, anderen Faktoren Aufmerksamkeit zu schenken.

Körperliche Anzeichen

Bewegt sich Ihr Pflegebedürftiger weniger oder anders als sonst, kann das ein Anzeichen für Schmerzen sein. Häufig wird dann eine Schonhaltung eingenommen, um die schmerzende Stelle zu entlasten. Weitere Hinweise: vermehrtes Schwitzen, Zittern, Zucken, verkrampfte oder verhärtete Muskeln sowie eine blasse, graue Hautfarbe und eine schnelle flache Atmung. Eine Inkontinenz kann neu auftreten oder sich verschlimmern.

Mimik und Gestik

Reibt oder hält sich Ihr Angehöriger plötzlich häufiger eine bestimmte Körperstelle, könnte es sein, dass er dort Schmerzen verspürt. Auch verzehrte Gesichtszüge oder aufgerissene Augen bei bestimmten Bewegungen oder Handlungen können ein Hinweis sein. Bei Schmerzen verkrampfen sich zudem häufig die Hände ineinander oder werden zu Fäusten geballt.

Verhaltensänderungen

Wirkt Ihr Angehöriger plötzlich unruhig, kommuniziert nicht mehr oder schläft auffallend schlecht? Auch dahinter könnte ein Schmerz-Geschehen stecken. Weitere Alarmzeichen: Aggressivität, Weinerlichkeit, Teilnahmslosigkeit sowie Verweigerung von Essen und Trinken.

Stimmliche Äußerungen

Auch wenn Ihre pflegebedürftige Person ihre Beschwerden nicht mehr in Worte fassen kann – andere stimmliche Äußerungen können ebenfalls aufschlussreich sein. Dazu gehören Schreien, Stöhnen, Jammern oder Wimm

Überblick Schmerz-Signale

Unsere Übersicht unterstützt Sie dabei, Schmerzen bei Pflegebedürftigen, die sich nicht mehr klar äußern können, zu erkennen.

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Wie können Sie Schmerzen einordnen?

Um beurteilen zu können, wie stark das Schmerz-Geschehen ist, und welche Maßnahmen erforderlich sind, müssen Sie als pflegender Angehöriger die Schmerz-Stärke einschätzen können. Pflegebedürftigen fällt das oft schwer. Dann helfen Schmerz-Skalen, auf denen der Betroffene die Schmerz-Intensität verbal oder bildlich darstellen kann. Diese gibt es in verschiedenen Formen und Darstellungen:

  • Eine der am häufigsten eingesetzte Schmerz-Skalen ist die numerische Ratingskala (NRS) von 0 bis 10 (0 = kein Schmerz, 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz). Mit ihr kann man Schmerzen auch in relativ kleinen Abstufungen einordnen. Diese Schmerz-Skala eignet sich allerdings eher nicht für Menschen, die sprachlich oder kognitiv beeinträchtigt sind oder sich bereits in so starken Schmerz-Zuständen befinden, dass sie sich nicht mehr klar äußern können.
  • Bei der visuellen Analogskala (VAS) zeichnet der Pflegebedürftige seinen Schmerz auf einer zehn Zentimeter langen Linie selbst ein. Die Anzahl der Zentimeter entspricht dem Schmerz-Empfinden. Die VAS kann die Schmerz-Intensität sehr genau erfassen, benötigt aber ein hinreichendes Verständnis zur Bearbeitung und feinmotorische Fähigkeiten für den zielsicheren Umgang mit einem Stift.
  • Die sogenannte Gesichterskala nach Hicks arbeitet mit bildhaft dargestellten Smilies (von freudestrahlendem Gesicht bis zu sehr traurigem Gesicht). Sie eignet sich besonders für Kinder, Demenzerkrankte oder Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, weil der Betroffene nur darauf deuten muss.

Ein weiteres Mittel zur Beurteilung von Schmerzen sind spezielle Fragebögen. Kann Ihr Pflegebedürftiger diesen nicht mehr selbst ausfüllen, können Sie das Schreiben für ihn übernehmen. In den Fragebögen werden Faktoren wie Atmung, Gesichtsfarbe oder Verhalten Punkte zugeordnet, die zum Schluss zusammengezählt werden. Schließlich ergibt sich ein Score für die vermutliche Schmerz-Intensität. Auf den meisten Fragebögen muss Ihr pflegebedürftiger Angehöriger noch selbst Angaben machen können. Ist er dazu nicht in der Lage, eignet sich die „Behavior Pain Scale“. Sie wurde speziell für Menschen entwickelt, die sich nicht mehr mitteilen können.

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Wie werden Schmerzen gelindert und behandelt?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Schmerzen zu lindern. Pflegebedürftige haben in der Regel gewisse Vorerkrankungen, auf welche die Behandlung neuer Schmerzen abgestimmt werden muss. Es ist daher in den meisten Fällen sicherer, wenn Sie einen Arzt hinzuziehen. Bei einem unklaren Schmerz-Geschehen sollte zuerst eine Diagnose feststehen beziehungsweise verschiedene infrage kommende Krankheitsbilder ausgeschlossen werden.

Medikamente

Nicht immer lindert das Präparat, das gegen ein diagnostiziertes Krankheitsbild verordnet wird, auch die daraus entstehenden Schmerzen. Diese werden häufig mit speziellen Schmerz-Mitteln (Analgetika) behandelt. Diese wirken, indem sie die Entstehung, Weitergabe oder Verarbeitung von Schmerz beeinflussen. Im besten Fall führen Schmerz-Mittel zur Schmerz-Freiheit, oft ist aber schon die Abschwächung von Schmerzen hilfreich.

Schmerz-Mittel lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen, die jeweils unterschiedliche Wirkmechanismen und Anwendungsbereiche haben.

Nicht-opioide Analgetika

Dazu gehören bekannte Schmerz-Mittel wie Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac. Sie wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern auch entzündungshemmend und fiebersenkend. In niedriger Dosierung sind sie rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Sie sollten trotzdem nicht über einen längeren Zeitraum ohne ärztlichen Rat eingenommen werden.

Opioide

Sie werden üblicherweise erst bei starken bis sehr starken Schmerzen eingesetzt. Zu den Opioiden gehören Morphin, Fentanyl und Oxycodon. Sie wirken direkt auf das zentrale Nervensystem. Nimmt man Opioide über einen längeren Zeitraum ein, steigt die Gefahr der Abhängigkeit.

Koanalgetika

Diese umfassen Medikamente, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, aber schmerzlindernde Effekte haben. Dazu gehören beispielsweise Antidepressiva (gegen psychische Erkrankungen) und Antikonvulsiva (gegen epileptische Anfälle). Sie wirken besonders gut bei neuropathischen (den Nerv betreffenden) Schmerzen.

Lokalanästhetika

Präparate wie Lidocain oder Procain betäuben gezielt Nerven an einer Körperstelle und werden für lokale Schmerz-Behandlungen, beispielsweise bei Wund-Schmerzen verwendet. Sie werden gespritzt und wirken nur für einen relativ kurzen Zeitraum schmerzlindernd.

Nicht medikamentöse Therapien

Viele Schmerzen lassen sich durch physikalische Therapien lindern, also beispielsweise durch Wärme, Kälte, Massagen oder gymnastische Übungen. Sie sollten möglichst erst nach ärztlicher Absprache angewendet werden, da sich dadurch unter Umständen ein Schmerz-Geschehen auch verschlimmern können.

Psychische Unterstützung

Der seelische Zustand spielt eine große Rolle bei der Empfindung von Schmerzen. Unterstützen Sie Ihren Angehörigen durch Gespräche und emotionale Zuwendung. Auch sanfte Berührungen lösen meistens positive Gefühle aus und lassen so Schmerzen in den Hintergrund rücken.

 

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