Die Entscheidung, ob jemand eine künstliche Ernährung braucht, ist niemals leicht zu treffen. Hierfür ist immer eine medizinische Indikation erforderlich. Es muss also von Arztseite die künstliche Ernährung für eine bestimmte Person angeordnet werden. Das ist grundsätzlich dann der Fall, wenn es Betroffenen nur unzureichend oder nicht mehr möglich ist, Flüssigkeit und Nährstoffe in ausreichendem Ausmaß über den Mund beziehungsweise den Verdauungstrakt aufzunehmen. Zu den möglichen Auslösern zählen Schluckstörungen etwa nach einem Schlaganfall, Erkrankungen oder Krebserkrankungen vor allem im Kopf-, Hals- oder Darmbereich, aber auch die Parkinson-Krankheit oder Demenz.
Bei Ihnen und Ihrem betroffenen Angehörigen tauchen dann sicherlich einige Fragen auf: Was ist eine künstliche Ernährung? Welche Formen gibt es? Was sind mögliche Konsequenzen? Was benötigen Sie für die künstliche Ernährung zu Hause und worauf müssen Sie achten? Im Folgenden klären wir diese und weitere Fragen für Sie.
Welche Formen gibt es für eine künstliche Ernährung?
Über die künstliche Ernährung erhält der Körper alle lebenswichtigen Nährstoffe. Dabei werden die normalen Verdauungswege teils oder ganz umgangen. Es gibt zwei Formen der künstlichen Ernährung: über eine Ernährungssonde in den Magen („enteral“) oder direkt in den Blutkreislauf („parenteral“). Eine enterale Ernährung kann dann erfolgen, wenn der der Betroffene selbst nicht mehr essen kann oder darf (etwa weil aufgrund von Schluckstörungen die Gefahr zu groß ist, dass Nahrungsbestandteile in die Lunge geraten), der Magen-Darm-Trakt aber noch funktionsfähig ist. Darf der Darm hingegen nicht mehr belastet werden, wird eine parenterale Ernährung eingesetzt.
Die enterale Ernährung
Bei der enteralen Ernährung erfolgt die Nahrungsaufnahme über eine Sonde in der Nase oder über eine Sonde direkt in den Magen. Dabei werden jeweils Mund, Rachen und Speiseröhre umgangen. „Enteral“ bedeutet übrigens „den Verdauungstrakt betreffend“ (vom Griechischen „enteron“ = Darm).
- Für die Nasensonde wird ein Schlauch über die Nase in den Magen gelegt.
- Bei der Magensonde wird ein Zugang durch die Bauchdecke direkt in den Magen gesetzt. Dafür ist ein kleiner Schnitt in der Bauchdecke nötig, was unter leichter Narkose erfolgt. Eine Magensonde wird auch als „perkutane endoskopische Gastrostomie“ oder kurz „PEG“ bezeichnet., Sie kommt häufig zum Einsatz, wenn eine langfristige künstliche Ernährung erforderlich ist.
Beide Sonden können zu Hause verwendet werden. Nasensonden kommen dabei meistens nicht länger als einige Wochen zum Einsatz; ist aus ärztlicher Sicht eine Sonde über längere Zeit erforderlich, wird häufig eine PEG-Sonde empfohlen.
Die parenterale Ernährung
Bei der „parenteralen“ Ernährung hingegen wird der gesamte Verdauungstrakt umgangen („par-enteral“ = „um den Darm herum“): Alle Nährstoffe werden in Form von Nährstofflösungen über einen Zugang in die Venen direkt in die Blutbahn geleitet. Die wichtigsten solcher Zugänge sind:
- Ein intravenöser Port ist ein Zugang, der in einem chirurgischen Eingriff direkt unter die Haut gelegt wird, meist im Brustbereich. Die Verabreichung von Nährstofflösungen oder Medikamenten erfolgt nun über ein spezielles „Portnadelsystem“. Der Port ist von außen nur wenig sichtbar. Die parenterale Ernährung mit einem Port kann auch zu Hause durchgeführt werden, die Infusionen werden dann entweder von einem Pflegedienst oder – nach einer Schulung – von Ihnen oder Ihrem Angehörigen selbst gegeben.
- ZVK (zentralvenöser Venenkatheter) oder „Venen-Verweil-Kanüle“: Der ZVK ist ein dünner Katheter, der in eine der großen Venen gelegt wird (im Arm, unter dem Schlüsselbein oder am Hals). Venenverweilkanülen sind kleinere Katheter, die in Venen etwa am Arm gelegt werden. ZVK und Verweilkanülen kommen nur im Krankenhaus zum Einsatz.
Falls dies noch machbar ist, können und sollen auch Patienten unter parenteraler Ernährung Nahrung über den Mund erhalten. Denn das Ziel ist es, die Funktionsfähigkeit der Verdauungsorgane so weit wie möglich zu erhalten, da der Darm etwa auch für das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt.
Mögliche Zugangswege der künstlichen Ernährung
Welche Nahrung wird für die künstliche Ernährung benutzt und wann?
Enterale Ernährung: Die Sondennahrung enthält alle erforderlichen Nährstoffe und kann vom Darm gut verwertet werden. Sie wird entweder über viele Stunden (16h/Tag) verabreicht, was die Bewegungsfähigkeit der Person allerdings stark einschränkt. Der Vorteil ist dabei das niedrige Risiko einer „Aspiration“, also dass die Nahrung durch die Speiseröhre in die Luftröhre gelangt.
Die Nahrung kann aber auch portionsweise zu den normalen Essenszeiten verabreicht werden, was dem natürlichen Rhythmus entspricht. Die Voraussetzung dafür ist eine normale Magen-Darm-Funktion. Und: Auch Wasser, Tee und Medikamente können über die Sonde gegeben werden.
Parenterale Ernährung: Die Nährlösung, die über eine Infusion direkt in die Venen und damit in den Blutkreislauf geleitet wird, enthält alle lebensnotwendigen Nährstoffe wie Glukose, Fett, Aminosäuren (Baustoffe von Eiweiß) oder Vitamine. Die genaue Menge und Zusammensetzung werden individuell auf die Bedürfnisse Ihres betroffenen Familienmitglieds abgestimmt. Tipp: Ist Ihr Angehöriger grundsätzlich noch mobil, empfiehlt es sich, diese Infusionen über Nacht zu verabreichen. Dann ist Ihr Angehöriger am Tag nicht an eine Infusion gebunden, was die Beweglichkeit erleichtert.
Was ist bei der Pflege einer Sonde oder eines Ports zu beachten?
Enterale Ernährung: Alle Sonden müssen regelmäßig darauf überprüft werden, ob sie dicht sind, nicht verstopft und ob die Nahrung korrekt ein- und durchläuft. Sie sollten daher vor und nach jedem Gebrauch gründlich mit frischem Trinkwasser gespült werden.
Bei Nasensonden ist keine Sterilität erforderlich, aber zur Vermeidung von Infektionen sehr wohl die üblichen Hygienemaßnahmen: Hände vor und nach jedem Vorgang desinfizieren und die Umgebung regelmäßig reinigen und kontrollieren..
Im Fall von PEG-Sonden muss die Einstichstelle täglich mit antiseptischen Lösungen gereinigt werden, vor dem Gebrauch sind die Hände zu desinfizieren und Handschuhe anzuziehen. PEG-Sonden sind ebenfalls regelmäßig zu inspizieren, und die Haut um die Eintrittsstelle muss trocken gehalten werden. Bei Entzündungszeichen (Rötung der Haut) holen Sie sich unbedingt pflegerische oder ärztliche Hilfe ein.
Parenterale Ernährung: Am wichtigsten ist die Hygiene, um Infektionen zu vermeiden. Das heißt, Sie sollten immer „sauber“ mit den Zugängen wie dem Port arbeiten (nur nach Händereinigung und Händedesinfektion) und mit intakten Materialien. Auch eine regelmäßige Reinigung des Systems ist erforderlich. Bei Auftreten von Entzündungszeichen (gerötete Haut, Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit oder Erbrechen) holen Sie auch hier umgehend ärztlichen Rat ein.
Können eine Sonde oder ein Port auch wieder entfernt werden?
Ja, falls die künstliche Ernährung nicht mehr erforderlich ist: etwa wenn die betroffene Person nach einem Schlaganfall wieder sicher schlucken kann, oder wenn Hindernisse im Verdauungstrakt (Narben, Tumore) entfernt wurden. Ob und wann eine künstliche Ernährung beendet werden darf, wird in regelmäßigen Abständen von einem Arzt überprüft.
Wer übernimmt die Kosten für die künstliche Ernährung?
Bei einer ärztlich verordneten Indikation für künstliche Ernährung übernimmt die Krankenkasse in der Regel die meisten Kosten. Fragen Sie am besten bei der Kasse nach, welche Regelung für Ihren Fall gilt.
Eine künstliche Ernährung ist nur dann notwendig, wenn eine Nahrungsaufnahme auf natürlichem Weg nicht mehr möglich ist. Doch auch wenn Ihr Angehöriger grundsätzlich noch in der Lage ist, sein Essen über den Mund zu sich zu nehmen, kann es zu einer Mangelernährung kommen. Mehr zu dazu lesen Sie in unseren Beiträgen „Mangelernährung: Ursachen, Symptome, Behandlung“ und „Verdacht auf Mangelernährung: Maßnahmen, die Sie ergreifen können“.
Künstliche Ernährung: Welche rechtlichen Aspekte sind zu beachten?
Die Einleitung, Fortführung oder Beendigung einer künstlichen Ernährung setzt, wie eingangs erwähnt, zwingend eine medizinische Notwendigkeit (Indikation) voraus. Das bedeutet: Ein Arzt muss entscheiden, dass die künstliche Ernährung bei Ihrem Familienmitglied eingeleitet werden muss.
Allerdings muss gleichzeitig der Wille des Betroffenen beachtet werden: Ein Mensch darf grundsätzlich nicht gegen seinen Willen künstlich ernährt werden. Es gibt aber auch Ausnahmen, etwa wenn die Nahrung wegen einer psychischen Störung verweigert wird . Ist die betroffene Person nicht mehr entscheidungsfähig, ist eine eventuell vorliegende Patientenverfügung rechtlich bindend. Fehlt diese, muss der mutmaßliche Wille des Betroffenen ermittelt werden. Bei sterbenden Menschen darf eine künstliche Ernährung nicht mehr durchgeführt werden, weil sie den Sterbeprozess stören würde.
Abschließend lässt sich festhalten, dass die künstliche Ernährung eine wichtige medizinische Maßnahme sein kann, um eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen sicherzustellen, wenn die natürliche Ernährung nicht mehr möglich ist. Dabei stehen vor allem enterale Ernährungssysteme wie Sonden sowie parenterale Verfahren über Infusionen zur Verfügung, deren Wahl von der individuellen Situation abhängt. Eine regelmäßige Überprüfung der Indikation und die enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen sind entscheidend, um die Versorgung im Einklang mit dem Patientenwillen zu gestalten. Ziel sollte stets sein, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern.
